Maginotlinie – Das „kleine“ Infantriewerk

 

Donnerstagmorgen 6:45 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Heute ist ein ganz besonderer Tag,  denn ich mache mich auf den Weg zu einer Lost Place Tour der besonderen Art. Nach sechs Monaten Planung ist es endlich soweit. Die Spannung und Vorfreude auf das was uns erwarten wird steigt bereits ins Unermessliche. Wir, das sind Doktor-Urbex und das Team von Verlassene Orte Pfalz.

Nach einer etwa einstündigen Autofahrt in das benachbarte Frankreich, treffe ich auf die Kollegen von Verlassene Orte Pfalz. Schnell noch die Ausrüstung sortieren, Schutzausrüstung anlegen, Funkgeräte testen und dann kann es auch schon losgehen. Da sich die Anlage, die wir heute erkunden werden, in der Nähe eines Wohnhauses bzw. Bauernhofes befindet, entscheiden wir uns zunächst einmal die Lage vor Ort anzuschauen. Wir fahren in Richtung Bunkeranlage. Wie es der dumme Zufall will, kommt uns ausgerechnet die Gendarmerie zweimal entgegen und das auch noch auf einem schmalen Feldweg, der für den Straßenverkehr eigentlich  gesperrt ist. Man nickt uns freundlich zu. Wir sind erleichtert. Dennoch machen sich Zweifel breit, ob wir es wagen sollen. Egal. Wir sind jetzt hier und wollen unbedingt in die Anlage.

Im Vorbeifahren lassen wir einen Kollegen aus dem Auto springen. Er soll zu Block 1 vordringen und herausfinden, ob wir zum Betreten der Anlage eine Leiter benötigen. Wir stehen über Funk miteinander in Kontakt. Nach einer Weile gibt er uns grünes Licht: „Wir kommen ohne weitere Hilfsmittel in die Anlage hinein. Ein anderes Team sei ebenfalls vor Ort. Gleichgesinnte aus der Region.“ Das sind schon einmal gute Nachrichten.

Am Bunker angelangt macht sich dann doch wieder etwas Skepsis breit. Wir müssen über einen ca. zwei Meter breiten und ca. 4 Meter tiefen Diamantgraben hinüber, um in die Anlage zu gelangen. Über dem Graben liegen zwei hauchdünne Bretter. Ob die unser Gewicht tragen werden? Was soll’s! No Riks no Fun. Wir wagen es.  Zum Glück ragen aus dem Beton Teile der Armierung heraus, an denen wir uns sichern können. Sollte ein Brett durchbrechen fliegen wir nicht gleich in die Tiefe. Bei aller Neugier und Entdeckerdrang steht dennoch die Sicherheit an oberster Stelle.

Auf der anderen Seite des Grabens angelangt, müssen wir nur noch durch ein schmales Granateneinschussloch hindurch klettern und schon sind wir drin. Es ist dunkel und muffig.

Der oberirdische Teil, der aus mehreren kleineren Räumen besteht ist relativ unspektakulär. Also machen wir uns gleich auf den Weg hinab in die Anlage. Auf insgesamt 112 Stufen geht es sieben Stockwerke in die Tiefe.  Wir sind überwältigt als wir unten angelangt den Zugang zur Kaserne sehen. Direkt zu Beginn der Kaserneneinheit befinden sich im Maschinenraum die beiden mächtigen Dieselgeneratoren, die den notwendigen Strom für die Anlage produzierten. Nach über 80 Jahren riecht es dort immer noch nach altem Schmierfett.

Gleich gegenüber dem Maschinenraum befindet sich die Mannschaftsküche. Im hinteren Bereich kommen dann die Mannschaftsräume und der Schlafplatz des Bunkerkommandanten. Nicht gerade luxuriös, aber er hatte als einziger ein Einzelzimmer. Wir gehen das Tunnelsystem weiter. Nach ca. 200 Metern gelangen wir an eine Gabelung. Hier teilt sich der Gang in Richtung Block 2 und Block 3. Wir marschieren weiter zu Block 3.  112 Stufen und sieben Etagen geht es wieder hinauf zum Gefechtsstand. Durch einen Notausgang gelangen wir wieder an Tageslicht. Wir befinden uns im Diamantgraben von Block 3. Wieder zurück in der Dunkelheit finden wir weitere Mannschaftsschlafplätze und auch die versenkbaren Drehtürme mit Ihren Panzerabwehrkanonen.

Genug gesehen. Wir machen wir uns wieder auf den Rückweg. 112 Stufen hinunter in die Tiefe, knapp 500 Meter durch Hohlgänge und dann wieder 112 Stufen hinauf zu Block 1. Geschafft. Das Tageslicht hat uns wieder.

Bei aller Begeisterung, aber ich finde es sehr schade, dass solche Anlagen oftmals durch Schmierereien und Graffiti verunstaltet werden, ganz abgesehen von den anderen Zerstörungen durch Vandalen und Kupferdiebe. Ich kann ein solches Verhalten und Handeln einfach nicht nachvollziehen!

Nichtsdestotrotz ist es ein unvergessliches Erlebnis eine solche Anlage im Schein von Taschenlampen zu erkunden. Geschichte zum „Anfassen“!

Wichtige Hinweise zum Betreten solcher Objekte:

Bei aller Neugier sollte man die eigene Sicherheit nicht aus dem Auge verlieren. Man muss sich dessen bewusst sein, dass solchen Anlagen teilweise seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr instand gehalten werden und infolge dessen Brüstungen, Treppen, Abdeckungen und andere Bauteile dem Zahn der Zeit ausgesetzt sind. Jeder Schritt sollte daher wohl überlegt sein, denn es gibt zahlreiche Möglichkeiten zu stolpern, oder im schlimmsten Fall mehrere Stockwerke in die Tiefe zu rauschen.

Es ist wichtig, dass ihr solche Bauwerke niemals alleine betreten solltet. Idealerweise solltet ihr mindestens zu dritt sein. Bei einem möglichen Unfall kann einer Hilfe herbeirufen, während der Zweite beim Verletzten verbleibt.

Die richtige Ausrüstung ist das A und O. Schutzhelm, Sicherheitsstiefel und Handschuhe sollten daher nicht fehlen. Der mitunter wichtigste Bestandteil der Ausrüstung sind jedoch ordentliche Taschenlampen, Ersatzakkus und Knicklichter für den Notfall. Ohne Licht ist man in solchen Bauwerken hoffnungslos verloren.

Es sollte auch immer ein Außenstehender über den genauen Ort und die voraussichtliche Dauer der Exkursion informiert sein.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sollte man sich  über das Risiko einer solchen Begehung bewusst sein, an etlichen Stellen einer solchen Anlage besteht bei Unachtsamkeit akute Lebensgefahr! 

Ein paar Hintergrundinfos zu dieser Anlage:

Bei dieser Anlage handelt es sich um kleines Infanteriewerk der Maginotlinie. Sie umfasst insgesamt drei Bunker und bot Platz für 158 Soldaten, sowie 3 Offiziere des 166ten Infanterieregiments.

Erbaut wurde die Anlage im Jahre 1934. Sechs Jahre später im Juni 1940 wurde es nach schweren Artillerieangriffen der deutschen Wehrmacht zur Kapitulation gezwungen. Nach dem Krieg wurde das Werk wieder instand gesetzt und bis in die späten 80iger Jahre von der französischen Armee genutzt. Heute ist es nur noch eine Ruine, die sich im Gemeindebesitz befindet.

 

 

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